Classic-Life

Verpflichtung der Interpreten
gegenüber den Idealen
der großen Klassiker

JOURNALIST: Wie wird man denn Ihrer Meinung nach den Klassikern gerecht?

PETER HÜBNER: Soll der Musik unserer großen Tonschöpfer Gerechtigkeit widerfahren, dann muß sie von Männern und Frauen gespielt werden, die sich in erster Linie den Idealen dieser großen Menschen verpflichtet fühlen.

Die klassische Musik braucht Musiker, die sich dem Schöpfer verpflichtet sehen,Beethoven der Wahrheit verpflichtet sehen, dem Dienst an der Menschheit verpflichtet sehen und nicht solche, die sich als Akrobaten in ihr Instrument verliebt haben oder ins Rampenlicht oder ins Geld oder in die Karriere.Verdi

So paradox das klingen mag: unter den heutigen Musikprofis gibt es zu wenige Musikliebhaber.Beethoven

Nicht daß Sie mich mißverstehen. Ich bin nicht der Meinung, daß ein Musiker arm sein sollte; nein, er sollte mit den Werken der großen Klassiker viel Geld verdienen, aber er sollte es dann ihrem ethischen Anliegen gemäß unermüdlich und uneigennützig für die Etablierung der natürlichen Menschenwürde einsetzen – und gerade als Musiker hat er hier und heute ein riesiges Aufgabenfeld vor sich.Wagner

Die großen ethischen Zeugnisse der Meister der Musik werden aber leider immer häufiger zum Show-Produkt heuchelnder Starverkäufer umgemünzt und hauchen dann dabei ihr Leben aus.Mozart

Aufgrund dieser menschlichen Fehlentwicklungen gibt es aber folgenschwere musikalische Fehlentwicklungen.

Eine davon ist, daß die Musiker im Orchester nicht miteinander spielen, sondern unter der Leitung des Dirigenten nebeneinanderher spielen.

Ein natürlich strukturiertes, klassisches Musikwerk beschreibt das lebendige Miteinander der inneren Menschenkräfte in ihrer natürlichen Evolution.

Soll dieses vielfältige Miteinander in der Aufführung zum Ausdruck gelangen, dann müssen die Musiker dieses natürlich ineinander verwobene Spiel der inneren Menschenkräfte während der Aufführung selbst leben. Erst dann kann es musikalisch zum Ausdruck gelangen:Bach

da muß jeder Musiker fähig sein, auf die musikalischmenschlichen Regungen all der anderen Musiker intuitiv einzugehen – muß, je nach der Logik der Komposition, der einen Stimme antworten können, sich mit einer anderen verbinden und zu einer nächsten hinstreben können usw. usw.Reger

Wie aber sieht die heutige klassische Musizierpraxis aus: da spielt jeder Musiker sein Instrument und fährt dabei mit seinem Geiste wie mit einer Lokomotive auf seinen Notenschienen daher – das andere Auge auf den Dirigenten gerichtet.

Dieser gibt dann als Bahnhofsvorsteher die Anweisungen und stellt die Weichen und Signale.

Damit verliert die Aufführung die Dimension der lebendigen zwischenmenschlichen Kommunikation und gerät zu einem mechanischen Nebeneinander.Mozart


„Wenn ich links spiele,
falle ich links vom Klavierstuhl,
wenn ich rechts spiele,
falle ich rechts vom Klavierstuhl.“

Gioachino Rossini




Classic-Life

Die Frage nach dem
Sinn und Zweck des Lebens

JOURNALIST: Herr Hübner, aus Ihren Büchern entnehme ich, daß Sie auch im Felde der sinfonischen Musik ganz neue Ansichten vertreten. Was können Sie uns hierzu sagen?

PETER HÜBNER: Nach „Gesang des Lebens“ begann ich mit meinem sinfonischen Schaffen, und ich habe auch hier das ethische Anliegen der großen klassischen Tonschöpfer aufgegriffen.

Die Sinfonie zählt zur sogenannten „Absoluten Musik“. Entgegen den Vorstellungen eines großen Teils der Fachwelt handelt es sich bei den Werken unserer großen klassischen Tonschöpfer – soweit sie dem Bereich der Absoluten Musik zuzuzählen sind – keinesfalls um eine von der menschlichen Evolution losgelöste Musik, welche vielleicht auch noch um ihrer selbst willen betrieben wird, sondern wir haben hier eine ideale Sprache vor uns, das Lebensfeld der inneren Menschenkräfte gefühls- und verstandesmäßig zu beschreiben bzw. darzustellen.

Somit gehört diese Musik wesensmäßig in den Bereich der Philosophie oder der Lebenskunst – wo sie sich dann auch mit der religiösen Musik verbindet.

Ihren bisher höchsten Ausdruck findet diese Art Absolute Musik, welche die Menschenwürde zum alleinigen Thema hat, in der Sinfonie, und hier besonders bei Haydn, Mozart und Beethoven, welche sich ja bekanntlich nicht vorrangig der Musik, sondern der Wahrheit verpflichtet fühlten und die Musik als das beste ihnen bekannte Mittel ansahen, die Wahrheit auf der Ebene des Gefühls und des Verstandes auszudrücken.

Und diese beiden Hauptmenschenkräfte Gefühl und Verstand sind dann die Eckpfeiler des sinfonischen Schaffens unserer großen Tonschöpfer für ihre musikalische Evolution natürlicher Menschenwürde.

Während sich die Universitäten, Schulen und offiziellen Bildungseinrichtungen dem Erlernen äußerer Fertigkeiten widmen, sahen es die großen klassischen Tonschöpfer als ihre heilige Pflicht an, den Menschen im Gebrauch seiner inneren Fähigkeiten auszubilden – ihm seine inneren Menschenkräfte als solche vorzustellen, ihn in der Unterscheidung seiner inneren Menschenkräfte zu unterrichten und ihn im ausgewogenen erfolgreichen Gebrauch seiner inneren Fähigkeiten zu schulen.

JOURNALIST: Sie arbeiten an einem Zyklus von mehreren Sinfonien, deren erste die Sonnen Sinfonie ist. Welche anderen Sinfonien sind Teil dieses Zyklus?

PETER HÜBNER: Es werden insgesamt neun Sinfonien sein: die Sonnen Sinfonie, die Mond Sinfonie und die Sternen Sinfonie sowie die fünf Sinfonien der Erde, des Wassers, des Feuers, der Luft und des Raumes. Diese acht Sinfonien finden ihre gemeinsame Basis in der neunten Sinfonie, der Sinfonie des Lebens.

In diesen neun Sinfonien will ich entsprechend den Regeln der klassischen Sinfonie das komplexe Spiel der inneren und äußeren Naturkräfte im Leben des Menschen darstellen und dabei auch der musikalischen Handwerkskunst neue Türen öffnen.

Ich bemühe mich in diesem Zyklus also entsprechend den Regeln der klassischen Sinfonie musikalisch um eine Darstellung des Feldes innermenschlicher Entwicklung. Insofern: Grundsätzlich nichts Neues!