JOURNALIST: Um aber in diesem Zusammenhang noch einmal auf die Frage nach dem Kompositionsstudium zurückzukommen – wie sehen Sie die Zukunftschancen dieses zentralen Fachs an der Hochschule?
PETER HÜBNER: Ich kann nur sagen, daß die Lehrpläne an der wesentlichen Sache vorbeigehen, denn sie betreffen gar nicht jenen Kern oder das Wesen des Musikschaffens – das musikalische Gewissen.
Für die wenigen Komponisten, die das Musikschaffen mit dem genannten Ernst betreiben, ist es sicherlich ein gewisser Gewinn, wenn sie zur materiellen Unterstützung eine Professorenstelle erhalten, bis sie irgendwann in der Lage sind, als Freischaffende von ihren Werken zu leben.
Aber die überwiegende Mehrheit der Kompositionsprofessoren bringt nichts Schöpferisches zustande und kostet den Staat nur Geld.
Und das Schlimmste ist: diese Leute führen die Öffentlichkeit und die Studierenden in bezug auf das Metier des Komponierens in die Irre. Entsprechendes gilt aber auch für alle anderen künstlerischen Fächer der Musik.
Grundsätzlich kann das Fach Komposition an der Hochschule abgeschafft werden – wobei jene wenigen begabten Komponisten unter den Professoren in ihrer Freiheit des Schaffens ohne Bedingungen und Gängelungen gefördert werden sollten. Wer sich hier jetzt aufregt, der steht da, wo die Unfähigen sind.Frankreich
JOURNALIST: Ich habe Ihre Bücher „Natürliches Musik Schaffen“ und „Natürliches Musik Hören“ gelesen.
Wie sehen Sie die Bedeutung dieser Bücher und vielleicht auch darüber hinaus diejenige eines unkonventionellen Studiums der Musik, welches Sie in Ihrem Studienkatalog der Musik beschreiben?
PETER HÜBNER: Ich habe sehr lange darüber nachgedacht, wie es mir möglich sein könnte, andere Menschen über das Mittel der Sprache mit der klassischen Musik bekannt und vertraut zu machen. Wenn ich in eine Bibliothek ging und mir ein Buch über diese Musik ansah, dann war es entweder ein Opern- oder ein Konzertführer oder ein sehr begrenztes Buch über Musiktheorie, oder es waren Biographien über berühmte Komponisten.
Aber ich fand niemals ein Buch, welches die Dinge aussprach, von denen ich meinte, daß sie die Musikliebhaber einmal hören müßten.
Meines Erachtens wurde und wird in der bestehenden Musikliteratur immer nur in eiskalter Weise um den heißen Brei der klassischen Musik herumgeredet.
Besonders auch die Musikkritiker zeichneten bzw. zeichnen sich im allgemeinen dadurch aus, daß sie irgendwelchen eigenen Seelenqualm beschreiben und daß sie auf die Musik als solche gar nicht zu sprechen kommen.
So kommt es, daß der Musikliebhaber über lange Zeit überhaupt nicht informiert wurde, was die klassische Musik ist und wie sie sich ursprünglich im Bewußtsein des Tonschöpfers entwickelt, bevor sie dann sehr viel später von irgendwelchen Interpreten zu Gehör gebracht wird.Beethoven
Die Absurdität dieser Situation zeigt sich ja schon darin, daß es im heutigen Kompositionsunterricht normal und obligatorisch ist, Klavier zu spielen.
Die Musikfachwelt bildet sich allen Ernstes ein, daß ein Komponist sich idealerweise seine Musik am Klavier experimentierend vorspielt, dann nach äußerem Gehör seine Entscheidung trifft, das Vorgespielte niederzuschreiben und dann andernorts für Chöre und Solisten instrumentiert.
Ich habe einmal erlebt, wie jemand, der aus einem kleinen Röhndorf kam, sich – weil er selbst nicht lesen konnte – von einem Bekannten einen Brief, den er von zuhause erhalten hatte, vorlesen ließ.
Dabei hielt er ihm – dem Vorlesenden – die Ohren zu, damit dieser nicht höre, was im Brief steht und was er vorlas.
Da er das Lesen selbst nicht gelernt hatte, dachte er, der Lesende müsse natürlicherweise den Brief laut ablesen und dann genau zuhören, um zu wissen, was darin steht.
Wir alle, die wir lesen können, lachen darüber, aber das gleiche Unverständnis betrifft die gesamte musikalische Fachwelt, die sich einbildet, der klassische Tonschöpfer müßte sich das, was er komponiert, erst einmal am Klavier vorspielen und anhören, um es dann aufschreiben zu können.Mozart
Und der Lehrplan im Fach Komposition an der Hochschule mit dem Klavier als Pflichtfach zeigt diese innere musikalische Ignoranz nur auf.Bach
Und im Fernsehen erscheint dann am Abend zum Sendeschluß voller medialem Stolz immer wieder das Bild eines Klavieres oder Cembalos in einem kleinen, engen Raum und dazu jene Worte musikalischer Ignoranz: „An diesem Instrument schuf Haydn das Lied der Deutschen.“Beethoven
Jenes Phänomen des inneren musikalischen Hörens – völlig losgelöst vom Instrument – beschreibe ich in dem Buch „Natürliches Musikhören“.
Und jene kritische Beschreibung des authentischen Musikschaffens, wie ich es hier gerade anklingen ließ, habe ich sehr grundlegend in meinem Buch „Natürliches Musikschaffen“ dargestellt.
Erst auf der Grundlage dieser praktischen Einsicht in das Feld des klassischen Tonschöpfers sowie des kreativen Musikhörens gibt eine Neugestaltung des Studiums der Musik einen Sinn.
Und wer ohne die Kenntnis dieser beiden Bücher meinen Studienkatalog einer Musikfakultät der Zukunft öffnet, der steht vor Hieroglyphen.
Wer sie aber sehr genau studiert hat – wobei es übrigens völlig egal ist, ob er Musikfachmann ist oder nicht, der kann den Studienplan entziffern und den Sinn dieser Ausbildung abschätzen.
Diese Bücher über Musik sollen die Musikfachwelt schütteln, und wer bei der Beschäftigung mit ihnen nicht geschüttelt wird, der schläft oder ist musikalisch bereits tot.
Und ich sage dies in aller Bescheidenheit, denn ich beschreibe hier nur, was natürlich ist und wie unsere großen klassischen Musikschöpfer gearbeitet haben.