Classic-Life

Die Musikentwicklung
der letzten hundert Jahre

JOURNALIST: Sie nennen die Musikentwicklung der letzten hundert Jahre eine „widernatürliche Entwicklung“, wie wollen Sie das begründen?

PETER HÜBNER: Widernatürlich, weil sie die natürlichen Harmoniegesetze des Mikrokosmos der Musik mißachtet – also gegen die natürlichen Entfaltungsgesetze verstößt, die die Natur bei der Strukturentwicklung eines Tones und eines Lautes zur Anwendung bringt.Cellini Und mit dieser Mißachtung der natürlichen Ton- und Lautgestaltungsgesetze des Mikrokosmos der Musik verletzt der „Neutöner“ auch die natürliche Funktion wesentlicher für die Übermittlung von Musik notwendiger Bereiche:Dürer

  • Einmal die Funktion unseres inneren Ohrs, die sich vollständig an diesen Ton- und Lautgestaltungsgesetzen der Natur orientiert – für den ertaubten Beethoven Beethoven ab der Mitte seines Lebens zum Musikschaffen eine unbedingte Vorraussetzung;
  • zum anderen die Funktion unseres äußeren Ohres, dessen Entstehung vollständig an diesen Ton- und Lautgestaltungsgesetzen der Natur orientiert ist und unser Hörorgan sogar – wie die moderne Wissenschaft erkannt hat – nach diesen Harmoniegeset-zen strukturiert;
  • dann die Funktion unserer menschlichen Stimme, die ebenfalls für eine Berücksichtigung dieser harmonikalen Gestaltungsgesetze konzipiert ist, und schließlich – die Funktion der natürlichen Musikinstrumente, die in ihrer Tonentfaltung ebenso diesen natürlichen harmonikalen Gestaltungsgesetzen gehorchen.


JOURNALIST: Welche Folgen hatte diese Einsicht für Sie?

PETER HÜBNER: Für mich stand fest, daß wegen dieser Gründe die Entwicklung der atonalen Kompositionstechniken aus der Sicht der Natur Fehlentwicklungen waren.

Diese Erkenntnis war für mich alles andere als bequem; denn alle, die sich als anerkannte Avantgardisten an der „Spitze“ der musikalischen Entwicklung wähnten, huldigten diesen Fehlentwicklungen.

Im ernsten Musikbetrieb jener Zeit galt eine Abkehr von dieser unnatürlichen Ausrichtung der Neutöner hin zu harmonikalen Kompositionsstrukturen geradezu als eine Rückkehr zur „Steinzeit der Musik“ und war gleichbedeutend mit dem „Aus“ der äußeren beruflichen „Karriere“ als Komponist – wenn man eine solche anstrebte.

JOURNALIST: Und diesem Irrtum war die gesamte moderne Musikwelt erlegen?

PETER HÜBNER: Nun, immerhin sollten und sollen ja seit Arnold Schönberg überall in der Welt die Sänger und Musiker mit ihren Stimmen und Instrumenten auch eine „Zeitgenössische Musik“ aufführen, welche strukturell ohne Rücksicht auf die natürlichen Laut- und Tonentfaltungsgesetze konzipiert ist und welche deshalb bei der Aufführung auf den heftigsten Widerstand der menschlichen Stimme sowie der Musikinstrumente trifft und dementsprechend dann auch für vieler Leute Ohren so scheußlich klingt.

Nach meiner Immatrikulation an der Musikhochschule Köln erlag ich als moderner „Avantgardist“ ja auch selbst erst einmal diesem Irrweg.Goethe

Aber dann wurde mir klar, daß meine „negative“, scharfe musikalische Kritik an den überalteten, korrupten Strukturen von einer Musik unterstützt – wenn nicht gar entscheidend mitgestaltet – worden war, welche sich strukturell nicht an den naturgegebenen Harmoniegesetzen des Mikrokosmos der Musik orientiert und welche sich deshalb folgerichtig nur auf Zerstörung richtet, ja welche einen Menschen geradezu in den Mechanismen der Zerstörung ausbildet, indem sie sein Denken strukturell zur Zerstörung erzieht.Hebbel

Meine Forschungen im Mikrokosmos der Musik führten mich also damals klar und deutlich zu der Erkenntnis, daß die atonale Zwölftonmusik und die daran angeknüpfte serielle Musik all jener, die sich als vermeintliche Fortführer der klassischen Musik ansahen, den einzelnen Musiker und über diesen den einzelnen Hörer tonal in den Mechanismen der Unnatürlichkeit sowie der Zerstörung ausbilden.

JOURNALIST: Und wie sehen Sie die Wirkung der modernen Unterhaltungsmusik?

PETER HÜBNER: Die ganze Unterhaltungsmusik von der seichten Welle bis zum harten Rock tut dasselbe überwiegend mit Hilfe fixierter rhythmischer Strukturen.

Wie verheerend z.B. Rockmusik auf natürliche Lebensvorgänge wirkt, zeigt sich in den Forschungsergebnissen amerikanischer Mediziner, die festgestellt haben, daß Ratten, die bei Rockmusik aufwachsen, im Vergleich zu ihren Artgenossen, die in einer für Ratten natürlichen Klangumgebung heranwachsen, psychologisch gleichsam zerstört werden und schließlich sogar physiologische Verwachsungen im Gehirn aufweisen.




Classic-Life

Die Frage nach dem
Sinn und Zweck des Lebens

JOURNALIST: Herr Hübner, könnte man sagen, daß Ihr musikalisches Engagement für die Natur verschiedene Phasen durchlaufen hat?

PETER HÜBNER: Ja, das könnte man so nennen. Am Anfang standen harmonikale Kompositionen, die in ihrer Struktur denjenigen Harmoniegesetzen folgten, die auch in den Werken der Klassiker zum Ausdruck gelangen.

Dann, zur Zeit meiner Immatrikulation an der Musikhochschule Köln und von dort deutlich beeinflußt durch die allbeherrschende Lehrmeinung, die klassische Musik der großen Tonschöpfer fände ihre logische Weiterentwicklung in der atonalen Musik der „Internationalen Avantgarde“, hatte sie die Gestalt einer scharfen und dissonanten musikalischen Gesellschaftskritik.

In einem meiner ersten musikalischen Bühnenwerke, in „Fluch oder Segen: doch“, setze ich mich äußerst kritisch mit den natürlichen individuellen, sozialen und ökologischen Entwicklungsmöglichkeiten auseinander und ganz besonders auch mit den Hindernissen, die einer freien und natürlichen Entfaltung entgegenstehen.Ernst Und da paßt dann auch eine dissonante Form der musikalischen Beschreibung zu solcher disharmonischen Weltsicht.

JOURNALIST: Ihren revolutionären musikalischen Weg von der dissonanten Gesellschaftskritik zur musikalischen Harmonie mit den Gesetzen der Natur erschließen wir vielleicht am sichersten aus diesem Ihrem ersten großen Bühnenwerk „Fluch oder Segen: doch“, wo Sie sich inhaltlich mit „Gott und der Welt“ auseinandersetzen.Grillparzer

PETER HÜBNER: Ja, Kchatom, die Hauptperson der „Oper“, betrachtet das viele Unglück, das er überall in der Welt sieht, als ein Werk des Teufels.

Und er geht dabei soweit, daß er den Teufel sogar als den Schöpfer der Welt sieht, welche nach dessen Regeln so viel Leid entfaltet. Sein Freund Herax – der Held der Masse – warnt ihn vor solch einer radikalen Weltsicht und wird dabei selbst von den Naturgewalten erschlagen.

Vor dem geistigen Auge Kchatoms schafft der Teufel die Welt und gibt ihr seine Gesetze.

Sodann lehrt er alle diejenigen, welche in der Gesellschaft nach höheren Positionen streben, seine Gesetze in der Welt zu achten und besonders in der Erziehung konsequent anzuwenden.

JOURNALIST: In dem großangelegten pantomimischen Ballett untersuchen Sie die grundlegenden Mechanismen einer solchen „teuflischen“ Erziehung, in welcher das Individuum in die Vermassung und den Konsum – in die versteckte Sklaverei – hineingezwängt wird und zeigen auch schon, wie man üblicherweise mit Außenseitern verfährt: mit solchen, die sich einem solchen Erziehungsmechanismus widersetzen.

PETER HÜBNER: Entsprechend diesen modernen Erziehungsidealen der individuellen Unterdrückung zeigen sich dann auch im weiteren Verlauf der Handlung vor dem geistigen Auge Kchatoms die Entwicklungen der großen geistlichen Strömungen der Menschheit: der Religionen.

Zu allen Zeiten schon wurden die Neuerer ausgestoßen, umgebracht oder für verrückt erklärt – bis auf den heutigen Tag.Claudius

JOURNALIST: In Ihrem Bühnenwerk „Fluch oder Segen: doch“ stellen Sie die wesentlichen Stationen dieser Entwicklungen als die Manifestationen der inneren Vorstellungen und Überlegungen Kchatoms auf der Bühne dar. Und er selbst findet sich Kepler schließlich – aus seinen träumerischen Überlegungen erwachend – in der heutigen christlichen Zeit als der ewige „entartete“ Revolutionär wieder. Und kaum berichtet er öffentlich von seinen Visionen über die unethische Situation der Welt, da wird er von der christlichen Institution aus der Kirche ausgeschlossen.

PETER HÜBNER: Nun kann die Kirche in der heutigen Zeit den eigenständig denkenden Menschen nicht mehr so einfach öffentlich umbringen oder verjagen, sondern sie kann ihn heute nur noch öffentlich verunglimpfen und vor ihm nur noch weglaufen in den Schutz ihrer kirchlichen Bauwerke und umzäunten Liegenschaften.

JOURNALIST: Das Anerbieten der Kirche gegenüber Kchatom, sich der Gemeinde gläubig anzuschließen, mit ihr in die Kirche zu gehen und dort seine freien Überlegungen in der Routine des religiösen Zelebrierens zu ersticken, lehnt Kchatom ab.Schiller

PETER HÜBNER: Ja, er hat zuviel erkannt und erlebt, um hier noch den Rückweg antreten zu können.Morgenstern

Und so durchdenkt er noch einmal alle bisherigen Erfahrungen von allem Anfang an – in diesem Falle alles, was er auf der Bühne als Zuschauer erlebt hat, was sich aber eigentlich aus seinem geistigen Auge heraus in seiner eigenen Phantasie entwickelt hat: die Schaffung der Welt durch das Wort und die Hand des Teufels, sowie die Einhaltung seiner Gesetze durch die ehrgeizigen Gesellschaftsführer der verschiedenen Zeiten und die Anwendung seiner Gesetze bei der Erziehung neuer Generationen: das konsequente Hinleiten der ganzen Welt in den Prozeß der Selbstvernichtung, in die individuellen, sozialen und ökologischen Krisen, welche Pflanzen, Tiere und Menschen gleichermaßen an den Rand des existentiellen Abgrunds führen.

JOURNALIST: Bei dem erneuten Rekapitulieren dieser ganzen Vorstellung von der Welt kristallisieren sich vor dem geistigen Auge Kchatoms zwei große Szenen seines Lebens heraus:

Er erkennt sich selbst in der Rolle des Sisyphus, wie er immer wieder mit größter Anstrengung den gewaltigen Koloß seines Bemühens den hohen Berg der Evolution hinaufwälzt und wie ihm alles Mühen entgleitet, indem er altert, stirbt und resigniert, bevor er den Gipfel seines menschlichen Strebens erreicht – und dies immer und immer wieder.

Und er sieht sich selbst Bohr in der Rolle des Diogenes, wie er – jenseits all solcher unfruchtbaren Bemühungen – am Fuße des aus eigener Kraft unerklimmbaren Berges seiner Evolution in seiner Höhle sitzt und für die sisyphus‘schen Anstrengungen keinerlei Sinn hat.Seneca

PETER HÜBNER: Und auch viele seiner Mitmenschen beginnen sich und ihr Leben mit dem vermeintlich erfolglosen Tun bzw. Nichttun von Sisyphus bzw. Diogenes zu identifizieren, und sie sagen sich nach zwei Jahrtausenden christlicher Erziehung: auch unser Leben gleicht in allen Zügen dem fruchtlosen Bemühen des Sisyphus:

Wir beginnen mit großem Elan unsere Karriere in der menschlichen Gesellschaft, doch auf diesem Wege treten uns schon sehr früh Krankheit und Unglück entgegen, und schließlich werden wir alt und wissen nicht, wo die Reise unseres Lebens hinführt: wir sterben ohne Wissen.

Und warum sollen wir nicht all dieses irrsinnige Bemühen um Dinge, die keinen Bestand haben und die uns auch keinen Bestand geben, fallen lassen und als Hippie oder Penner, als überzeugter Arbeitsloser in die Lebensspuren jenes großen Weisen Diogenes treten, der ja den schwitzenden und ächzenden Sisyphus immer wieder unverrichteter Sache zu seinen Füßen ankommen sieht.Fabiani

Während die Mitmenschen Kchatoms aus ihrer religiösen, dogmatischen Beschaulichkeit ins Schwanken geraten und mittels der Visionen von Sisyphus und Diogenes die Unzulänglichkeit ihres bisherigen Bemühens erkennen, gelingt es Kchatom, in seinem Inneren die Einheit jener beiden scheinbar so grundverschiedenen Lebensrollen des Sisyphus und Diogenes zu erkennen – was ihn plötzlich von allen Lebenssorgen befreit:Rousseau er erkennt die Welt als das Produkt seines freien Willens und seiner schöpferischen Phantasie.