Classic-Life

Das ethische Gewissen
der klassischen Musik

JOURNALIST: Herr Hübner, wenn Sie heute die Werke der großen Klassiker aufgeführt hören und sehen – was geht da in Ihnen vor?

PETER HÜBNER: Ich hatte Ihnen ja schon gesagt, daß ich von Natur aus jene Fähigkeit besitze, innen gehörte Musik auch automatisch vor meinem geistigen Auge als Partitur zu sehen.

Dies gilt auch für den umgekehrten Fall: wenn ich äußerlich eine Partitur lese, dann höre ich in meinem Inneren auch die dazugehörige Musik.

In meiner Jugend habe ich mir das Erlebnis so mancher Werke der Klassiker verschafft, indem ich ihre Partituren las. Und wenn ich dann später die äußere Aufführung erlebte, war meine Enttäuschung groß, und das ist bis heute so geblieben.

Dies hat viele Gründe, musikalische und menschliche.

Am meisten stört mich, daß viele Musiker und vor allem viele Dirigenten das ethische Gewissen der klassischen Musik ganz offensichtlich nicht selber erleben und deshalb auch nicht ausdrücken.Beethoven

Für Bach war Musik Gottesdienst, für Haydn Wahrheitsliebe, für Beethoven Dienst an der Würde des Menschen: von dieser ethischen Dimension sehe ich bei nur ganz wenigen Musikern und Dirigenten etwas, und damit fehlt den Aufführungen das eigentliche Leben.

Wäre sie im Interpreten lebendig, kämen alle Menschen, um diese Musik zu hören.Beethoven

Nehmen wir die typischen Stars der klassischen Musikszene – von ihren fleißig mitverdienenden Agenten und Labels werden sie nach reinen Marketing-Überlegungen künstlich aufgebaut. Sie sind weniger künstlerisch sondern vor allem im Geld verdienen erfolgreich.

Vor allem die Dirigenten und Sänger unter ihnen verdienen mit angeblich „ihrer Kunst“ Millionen.

Dieses Geld haben sie mit den Werken der großen Klassiker verdient, die materiell selbst in bitterer Armut lebten.Beethoven

Die Werke dieser Klassiker sind heute zumindest soweit analysiert, daß man mit Sicherheit sagen kann, daß diese Männer in ihrem Schaffen auch eine hochgradige Intelligenz aufwiesen.
Es ist also sicher, daß diese Komponisten nicht zu dumm waren, Geld zu verdienen.

Warum aber waren sie trotzdem materiell arm?Beethoven

Wären sie einer anderen Tätigkeit nachgegangen, hätten sie sicherlich überdurchschnittlich gut verdient.Beethoven
Wenn sie dies also nicht getan haben, dann doch deshalb, weil sie sich ganz ihrem Auftrag verpflichtet fühlten, den inneren Reichtum, den die Natur ihnen offenbarte, zur Ehre des Schöpfers, zur Ehre der Wahrheit oder zum Dienst an der Menschenwürde musikalisch zu verkünden und dabei alle materiellen Überlegungen hintenan zu stellen.Beethoven

Diese mächtige natürliche ethische Inspiration teilt sich mir mit, wenn sich mir in ihren Partituren ihr Vermächtnis offenbart, und sie fehlt fast vollständig, wenn ich die heutigen Aufführungen höre.

Und dann wundert es mich auch nicht, wenn ich höre, daß jene Superstars des Klassik-Business nach anfänglicher relativer Armut bei ihrem Dahinscheiden Riesenvermögen hinterlassen.

Wie muß das ethische Vermögen eines Menschen aussehen, der in einer Zeit soviel Geld hortet, wo Millionen von Menschen verhungern und die Menschenwürde allerorten mit Füßen getreten wird?Beethoven

Und wenn er dies dann auch noch mit den Werken von Menschen tut, die nachweislich nur der Menschenwürde verpflichtet waren und dafür bereit waren, in großer finanzieller Not zu leben, so empfinde ich dies als besonders gewissenlos, und diese Mentalität fließt auch in die Aufführung ein und schreckt den schlichten Menschen ab. Deshalb sitzen der einfache Mann und die einfache Frau nicht im Konzertsaal.

Glauben Sie bitte nicht, daß ich jene neureichen internationalen Klassik-Superstars da als Ausnahme ansehe.

Sie haben es in diesem auf Geld und nicht auf Menschenwürde ausgerichteten Musikbetrieb mit all den Agenturen, Managern und Rechtsanwälten nur sehr weit gebracht. Sehr viele streben ihnen da nach.Beethoven

Liebe zur Musik ist für mich Liebe zum Leben und natürliche Pflicht zum musikalischen Ausdruck des unbegrenzten inneren ethischen Reichtums der Natur.

Wenn die Werke der großen Klassiker authentisch aufgeführt wären, dann würde vielen Würdenträgern und Geschäftemachern, die heute aus Imagegründen die Konzerte besuchen, das Gewissen schlagen, und sie würden sich entweder ändern oder aber aus dem Konzert fliehen.Beethoven

Aber wenn sich das klassische Musikleben zunehmend an geldgierigen und geltungsbedürftigen Star-Dirigenten, an Star-Orchestern, an Star-Interpreten aufhängt, an denen sich ja auch zunehmend nur ein entsprechendes geldbesessenes Star-Publikum Nietzsche ergötzt, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn der einfache Mensch keinen Zugang zu dieser Musik findet.Beethoven




Classic-Life

Die Frage nach dem
Sinn und Zweck des Lebens

JOURNALIST: Herr Hübner, aus Ihren Büchern entnehme ich, daß Sie auch im Felde der sinfonischen Musik ganz neue Ansichten vertreten. Was können Sie uns hierzu sagen?

PETER HÜBNER: Nach „Gesang des Lebens“ begann ich mit meinem sinfonischen Schaffen, und ich habe auch hier das ethische Anliegen der großen klassischen Tonschöpfer aufgegriffen.

Die Sinfonie zählt zur sogenannten „Absoluten Musik“. Entgegen den Vorstellungen eines großen Teils der Fachwelt handelt es sich bei den Werken unserer großen klassischen Tonschöpfer – soweit sie dem Bereich der Absoluten Musik zuzuzählen sind – keinesfalls um eine von der menschlichen Evolution losgelöste Musik, welche vielleicht auch noch um ihrer selbst willen betrieben wird, sondern wir haben hier eine ideale Sprache vor uns, das Lebensfeld der inneren Menschenkräfte gefühls- und verstandesmäßig zu beschreiben bzw. darzustellen.

Somit gehört diese Musik wesensmäßig in den Bereich der Philosophie oder der Lebenskunst – wo sie sich dann auch mit der religiösen Musik verbindet.

Ihren bisher höchsten Ausdruck findet diese Art Absolute Musik, welche die Menschenwürde zum alleinigen Thema hat, in der Sinfonie, und hier besonders bei Haydn, Mozart und Beethoven, welche sich ja bekanntlich nicht vorrangig der Musik, sondern der Wahrheit verpflichtet fühlten und die Musik als das beste ihnen bekannte Mittel ansahen, die Wahrheit auf der Ebene des Gefühls und des Verstandes auszudrücken.

Und diese beiden Hauptmenschenkräfte Gefühl und Verstand sind dann die Eckpfeiler des sinfonischen Schaffens unserer großen Tonschöpfer für ihre musikalische Evolution natürlicher Menschenwürde.

Während sich die Universitäten, Schulen und offiziellen Bildungseinrichtungen dem Erlernen äußerer Fertigkeiten widmen, sahen es die großen klassischen Tonschöpfer als ihre heilige Pflicht an, den Menschen im Gebrauch seiner inneren Fähigkeiten auszubilden – ihm seine inneren Menschenkräfte als solche vorzustellen, ihn in der Unterscheidung seiner inneren Menschenkräfte zu unterrichten und ihn im ausgewogenen erfolgreichen Gebrauch seiner inneren Fähigkeiten zu schulen.

JOURNALIST: Sie arbeiten an einem Zyklus von mehreren Sinfonien, deren erste die Sonnen Sinfonie ist. Welche anderen Sinfonien sind Teil dieses Zyklus?

PETER HÜBNER: Es werden insgesamt neun Sinfonien sein: die Sonnen Sinfonie, die Mond Sinfonie und die Sternen Sinfonie sowie die fünf Sinfonien der Erde, des Wassers, des Feuers, der Luft und des Raumes. Diese acht Sinfonien finden ihre gemeinsame Basis in der neunten Sinfonie, der Sinfonie des Lebens.

In diesen neun Sinfonien will ich entsprechend den Regeln der klassischen Sinfonie das komplexe Spiel der inneren und äußeren Naturkräfte im Leben des Menschen darstellen und dabei auch der musikalischen Handwerkskunst neue Türen öffnen.

Ich bemühe mich in diesem Zyklus also entsprechend den Regeln der klassischen Sinfonie musikalisch um eine Darstellung des Feldes innermenschlicher Entwicklung. Insofern: Grundsätzlich nichts Neues!